Vorbildliche Jugendarbeit wird mit 1.500.- Euro belohnt
Judo-Club Weingarten gewinnt beim Sportjugendförderpreis 2010 den zweiten Platz im Bereich Donau-Oberschwaben
Die Toto-Lotto Gesellschaft hat wieder Vereine für herausragende Leistungen im Bereich Jugendarbeit und nachhaltige Projekte ausgezeichnet. Neben zahlreicher Sportgrößen, durfte sich der JC-Weingarten vertreten durch Thomas Frater über den 2.Platz freuen.
Unser Bild zeigt die Preisträger LOTTO Sportjugend-Förderpreises 2010 bei der Preisverleihung am 28. Mai 2011 im Europa-Park Dome. In den hinteren Reihe von links nach rechts prominente Gäste aus Sport, Politik und Wirtschaft. Christina Obergföll, Dr. Friedhelm Repnik Lotto GmbH), Gundolf Fleischer, Magdalena Heer (Stellv. Vorsitzende Baden-Württ. Sportjugend), Benedikt Doll (Junioren-Weltmeister Biathlon), Normann Schlee (Begleitläufer Willi Brem), Willi Brem (3facher Paralympics-Sieger), Andreas Günter (Junioren-Weltmeister Nordische Kombination), Dieter Schmidt-Volkmar, Karl Weinmann)
Verleihung des LOTTO Sportjugend-Förderpreises 2010
Über 95.000 Euro für vorbildliche Vereine im Land – 2. Landessieg geht an den JC-Weingarten e.V.
Bereits zum siebten Mal wurde der LOTTO Sportjugend-Förderpreis vergeben. Im Rahmen einer festlichen Preisverleihung am 28. Mai im Europa-Park wurden 125 Sportvereine für ihre vorbildliche Jugendarbeit gewürdigt. 424 Vereine aus ganz Baden-Württemberg hatten sich um die mit über 95.000Euro dotierte Auszeichnung beworben.
In Anwesenheit von Dieter Schmidt-Volkmar, Präsident des Landessportverbandes, und des Geschäftsführers der Staatlichen Toto-Lotto GmbH, Dr. Friedhelm Repnik, wurden die Preise übergeben. Dieter Schmidt-Volkmar dankte im Namen des Sports für das finanzielle Engagement von Toto-Lotto und stellte die große Bedeutung des Sports für die Gesellschaft heraus: „Der LOTTO Sportjugend-Förderpreis ist wichtiger denn je. Durch ihnerlangen viele Jugendliche Erfahrungen in der Vereins- und Verbandsarbeit. Sie können in der praktischen Arbeit ermessen, was Ehrenamt heißt und welche Bedeutung es für unsere Gesellschaft hat. Mit Lotto haben wir einen Partner, der seit Jahren vorbildliche Konzepte und ehrenamtliches Engagement unterstützt. Dafür sind wir dankbar.“
Lotto-Geschäftsführer Dr. Friedhelm Repnik betonte: „Toto-Lotto und der baden-württembergische Sport bilden seit mehr als sechs Jahrzehnten eine starke Gemeinschaft. Auch in diesem Jahr profitiert der Sport wieder mit rund 59 Millionen Euro aus den Erträgen der staatlichen Lotterien und Wetten. Diese Partnerschaft gilt es zu erhalten und auszubauen. Der Lottochef würdigte auch die Leistung der Gewinner: „Die Preisträger dokumentieren eindrücklich die Vielfalt und Qualität der Jugendarbeit in den 11.500 Sportvereinen im Land.“
Als Vertreter des Kooperationspartners Kultusministerium sagte Ministerialrat Karl Weinmann.: „Die Jugendarbeit der Vereine ist neben der Bildung und Erziehung im Elternhaus, Kindergarten, Schule und beruflicher Ausbildung ein wichtiger, ergänzender Bildungsbereich. Sie trägt in hohem Maße zur Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen bei“.
Nach der Formel „10 aus 12“ ermittelte die Jury in den zwölf Regionen des Landes jeweils zehn Preisträger. Gefragt waren pfiffige ehrenamtliche Aktionen aus den Jahren 2009 und 2010. Die neunköpfige Jury stand unter dem Vorsitz von Professor Dr. Klaus Bös, Leiter des Instituts für Sportwissenschaft an der Universität Karlsruhe.
Für eine sportliche Note sorgten Fußballweltmeister Guido Buchwald, Speerwerferin Christina Obergföll, Spitzenturner Thomas Andergassen und der mehrfache Paralympics-Sieger Willi Brem. Das bunte Rahmenprogramm steuerten der Kleinkunstpreisträger und Beatboxer „Robeat“, die Ostalb-Hurgler und das Esslinger Sporttheater sowie Artisten des Europa-Park bei. Nach der Spannung bei der Verleihung ging es für die Vereine auf Einladung des Förderpreis-Partners Europa-Park und seinen Geschäftsführenden Gesellschaftern Roland und Jürgen Mack in den Freizeitpark.
Streetworkerin legt Jahresbericht vor – Vermeintliche Randgruppe braucht Orientierung und Hilfe
Abgehängt: Wie Jugendliche von der Straße ticken
Von Dirk Grupe
WEINGARTEN Seit zwei Jahren setzt Weingarten auf das Modell Streetworker, mit Erfolg, aber auch mit noch ungelösten Problemen. Das geht aus dem Jahresbericht von Streetworkerin Anna Jehle hervor, die einen genaues Bild der Betroffenen und ihrer Probleme zeigt.
Als Streetworkerin (übersetzt: Straßenarbeiterin) widmet sie sich Jugendlichen, die sich nicht in Vereine einbinden lassen, die als Randgruppe wahrgenommen werden, die Probleme haben und für andere zum Problem werden können.
Wer ist betroffen? Der Großteil stammt mit einem Drittel aus Deutschland, rund 20 Prozent aus der ehemaligen Sowjetunion, etwa die Hälfte verteilt sich auf andere Nationen. Weingarten besitzt einen hohen Anziehungspunkt für diese Klientel, denn 50 Prozent von ihr kommt von außerhalb und nimmt „dafür teilweise sehr umständliche und lange Wege in Kauf“.Anna Jehle hatte im vergangenen Jahr in Weingarten Kontakt zu Jugendlichen im Alter von durchschnittlich 14 bis 19 Jahren. Fast 80 Prozent von ihnen sind männlich, Mädchen stoßen nur vereinzelt hinzu oder in kleinen Cliquen. Regelmäßigen Kontakt hatte die Streetworkerin zu der erstaunlich hohen Zahl von 80 Jugendlichen, dazu kommt loser Kontakt zu weiteren rund 40. An festen Cliquen zählte sie drei bis vier, im „Vordergrund steht bei ihnen das gemeinsame Erlebnis in Form von Feiern“.
„Der Bildungsgrad der angetroffenen Jugendlichen ist sehr unterschiedlich, wobei auch hier innerhalb der Cliquen eine bunte Mischung vorherrscht“, sagt Anna Jehle. Der Großteil besuchte bis zum Sommer eine Schule, geht nun einer Ausbildung nach oder auf eine weiterführende Schulen. Nur ein sehr geringer Teil (zwei Prozent) macht gar nichts. „Einige Jugendliche kommen aus finanziell schwachen Familien und sehen für ihre eigene Zukunft wenig Hoffnung. Sie schätzen ihre berufliche Situation schlecht ein und haben häufig bereits in der Schule resigniert. Andere Jugendliche stammen hingegen aus gutbürgerlichen Familien und sind fest in die Gesellschaft integriert.“
Warum auf der Straße?
Jugendliche suchen die Straße, weil sie „keine anderen Orte zum Feiern und Treffen“ haben, so die Streetworkerin. Aus deren Sicht fehlt es an Freizeitmöglichkeiten, besonders am Abend und am Wochenende. Dazu kommt: Langeweile. Ohne Ideen greifen sie zum Alkohol, in großen Mengen, teils mit suchttypischem Verhalten. „Illegale Drogen werden nur vereinzelt und selten konsumiert.“ Neben Alkohol dienten Spielotheken, die Langeweile zu bekämpfen. „Dort verspielen auch unter 18-Jährige regelmäßig ihr letztes Geld.“
Ein Großteil der angetroffenen Jugendlichen sei bereits mindestens einmal strafrechtlich in Erscheinung getreten. Diese Taten stünden häufig in Verbindung mit übermäßigen Alkohol-Konsum, in der Folge kommt es zu Körperverletzungen, Diebstahl und Sachbeschädigung. „Der Frust, die Langeweile, die Perspektivlosigkeit und die Zukunftsängste stellen, in Verbindung mit dem Konsum von Alkohol, eine Spirale dar, die es zu unterbrechen gilt, da sonst ein Absturz in die Sucht und Arbeitslosigkeit droht.“
Darüber hinaus leiden einzelne Jugendlichen unter gravierenden Konflikte im Elternhaus, Gewalt in der Familie und vielem mehr.
Was getan?
„Alkohol unter Jugendlichen stellt in Weingarten ein großes Problem dar. Dieser ist für die Jugendlichen leicht verfügbar und aus dem Feiern am Wochenende nicht wegzudenken. Der Alkohol stammt hauptsächlich aus dem ortsansässigen Kaufland. Spaß haben ohne Alkohol ist für viele Jugendliche nicht vorstellbar und erschwert es, attraktive Angebote anzubieten.“
Dennoch hat es Anna Jehle immer wieder versucht. Ob über einen Selbstverteidigungskurs, gemeinsames Kochen oder Tanzen, einen Polizeibesuch oder einen Ausflug. Die Angebot wurden in der Mehrzahl eher spärlich angenommen. Darüber hinaus, und wohl wichtiger, hat die Streetworkerin die Jugendlichen spontan auf der Straße bei Lebensfragen beraten, acht Jugendliche langfristig bei Terminen und Behördengängen begleitet, vermittelt zwischen Polizei, Frauenhaus, Jugendgericht, und vielem mehr.
Ausblick
Anna Jehle sieht hohen Bedarf für Streetworkin in Weingarten. Denn Jugendlichen fehle es an Vertrauen, ihre Ängste seien zu groß, sich mit Problemen an Jugendamt, Suchtberatung oder einen Schulsozialarbeiter zu wenden.
„Hier setzt Streetwork mit einem regelmäßigen Kontaktangebot und der Arbeit auf der Straße an. Der Streetworker ist für die Jugendliche eine Vertrauensperson.“ Um effektiver arbeiten zu können, sollte die 50-Prozentstelle mindestens auf 75 Prozent ausgeweitet werden. Und: „Die Ziele von Streetwork müssen konkret für Weingarten formuliert werden.“
Anna Jehle verlässt Weingarten demnächst, die Stadt sucht bereits Nachfolge. Das Modell Streetworker hat der Gemeinderat auf die nächsten dreieinhalb Jahre verlängert.
Für unsere Jugendlichen wollen wir in Berg Zeichen setzen. So hat der Gemeinderat der offenen Jugendarbeit, dem Jugendtreff, dem Jugendaktionsplatz und weiteren Aktivitäten gerne zugestimmt. In enger Kooperation mit dem Kreisjugendring und auf der Grundlage der Beratungen im Arbeitskreis Kinder, Jugend und Familie werden zeitgemäße Programme ausgearbeitet. Mit den Ganztageselementen an unserer Schule und den Betreuungsangeboten möchten die Verantwortlichen auch eine zeitgemäße Schuleinrichtung ermöglichen.
In den Kirchen, in den Vereinen und Institutionen wird in Berg hervorragende Jugendarbeit geleistet. Beim jährlichen Treffen der Verantwortlichen spricht Bürgermeister Helmut Grieb allen ehrenamtlich Engagierten den besonderen Dank aus.
Leider gibt es auch Problemfelder. Dem möchte sich die Gemeindeverwaltung nun stellen und hat eine Konzeption erarbeitet. In engem Einvernehmen mit den Verantwortlichen wird der Kinder- und Jugenddienst des Judo-Clubs Weingarten auch in Berg Akzente setzen. Folgendes wird angeboten:
Mobiler und ambulanter Jugenddienst, Sozialer Arbeitsdienst als Projekt „Arbeit und Sport“, Anti-Aggressionsseminare für straffällige Jugendliche, Erlebnispädagogik, Hilfe gegen sexuellen Missbrauch, Gewaltprävention für Schulen „Kampfkunst gegen Gewalt“. Die Organisation will ausgleichend tätig sein. Im Rahmen der Beziehungsjugendarbeit versteht man sich als Ansprechpartner für die Jugend.
Die Arbeitsweise haben die Verantwortlichen Michael Wendler (1. Vorstand) und Thomas Frater (2. Vorstand) der Gemeindeverwaltung vorgestellt.
...spielt sich, wie der Name schon sagt, die Streetwork (engl. „Straßenarbeit“) ab. Seit März letzten Jahres hat Anna Jehle den Posten der Streetworkerin inne und legte letzte Woche den Jahresbericht 2010 vor dem Gemeinderat ab.
Das Traurige zuerst: Die 23-jährige Oberschwäbin geht zum 30. April und die 50 Prozent-Stelle in Sachen Streetwork, deren Trägerschaft der JUDO-Club Weingarten e.V. seit 2009 übernommen hat, wird neu ausgeschrieben. Trotz ihrer kurzen Verweildauer weiß Anna Jehle viel zu berichten. Zu den Fakten: Streetwork wendet sich an Jugendliche und junge Erwachsene, die aus unterschiedlichen Gründen von gesellschaftlichen Integrationsbemühungen nicht erreicht werden (wollen) und für die der öffentliche Raum von zentraler Bedeutung ist. Dabei begibt sich die Streetwork an die Treffpunkte dieser Gruppe, um dort mit ihnen Kontakt aufzunehmen, Problemlagen zu erkennen und spezifische Angebote für die Zielgruppe zu entwickeln.
Die lokale Situation in Weingarten zeigt sich wie folgt: Die erreichten Jugendlichen waren im Durchschnitt zwischen 14 und 19 Jahren alt, davon 78,5 Prozent männlich und 21,5 Prozent weiblich. Regelmäßiger Kontakt bestand dabei vorwiegend zu einer „Kerngruppe“ von 80 Jugendlichen, weitere 100 bis 120 Jugendliche wurden lose oder nur einmalig kontaktiert. Insgesamt gab es im Jahr 2010 1.648 Kontakte zwischen Streetworkerin und Jugendlichen, davon die Hälfte freitags,
weitere 30 % am Samstag und 20 % am Donnerstag. Anna Jehle bemerkt, dass es mit einer 50-Prozent-Stelle kaum zu realisieren sei, das gesamte Stadtgebiet abzudecken; auch Einzelkontakte würden darunter leiden. In der Stadt gibt es drei bis vier feste Cliquen, die sich regelmäßig in ähnlicher Personenzusammensetzung treffen. Zudem bestehen drei weitere, eher lose Gruppierungen mit einer Größe von durchschnittlich zehn Personen. Der Großteil der Jugendlichen ist deutscher Abstammung (30 %), desweiteren gibt es 21 % russische, 18 % libanesische, 9 % rumänische, 7 % türkische und 12 % sonstige Herkunftsländer, wobei die meisten Jugendlichen in Deutschland geboren wurden. Die Treffpunkte sind u.a. am NZGebäude der PH, im Stadtgarten, am Mostgässle und am Kaufland. Über die Hälfte (54 %) der Jugendlichen wohnen in Weingarten, der Rest stammt aus angrenzenden Gemeinden wie Ravensburg (19 %), Baienfurt (9 %) etc. Beim Bildungsgrad gibt es erhebliche Unterschiede mit bunter Mischung in den Cliquen und auch der soziale Kontext der Jugendlichen variiert stark. Fragt man die Betroffenen nach den Gründen für ihre Treffen auf der Straße, nennen sie fehlende Freizeitmöglichkeiten und Treffpunkte sowie Langeweile und Mangel an Ideen, der oft durch Alkoholkonsum bekämpft wird.
Kochen und Ausflug in den Europapark sollte dem entgegen gewirkt werden, es gab u. a. auch Polizeigespräche für das bessere Verständnis untereinander. Anna Jehles Wunsch wäre, dass Streetwork in Zukunft im gemischtgeschlechtlichen Tandem stattfinden könne, um noch mehr Jugendliche zu erreichen. Zunächst ist die Stelle jedoch weiterhin auf 50 Prozent und drei Jahre ausgelegt. Die Jugendlichen sind jedenfalls schon gespannt auf Anna Jehles Nachfolge.
26.6.09 WEINGARTEN - Seit fünf Monaten arbeitet Andreas Fuchs als Streetworker in Weingarten. Zumeist in den Abendstunden unterwegs, hat er eine enge Bindung zu den Jugendlichen gefunden. Und nicht nur das: Auch Eltern vertrauen dem 29-Jährigen.
Ein Zwischenbericht.
Mit dem Sommer kommen erst die Probleme. Diese Befürchtung stand von Anfang an beim Projekt "Streetworker" im Raum, kennt man doch die Zusammenrottungen im Stadtgarten und anderswo in Weingarten. Allein, die Befürchtungen haben sich bisher nicht bewahrheitet, meint Andreas Fuchs. "Im Grunde geht es in Weingarten um einen Kern von 30 Jugendlichen", sagt der Streetworker. Diese Anzahl habe sich auch an den bisher warmen Abenden im Jahr nicht erhöht.
Dass Jugendliche massenweise aus anderen Gemeinden in die Stadt strömen und dort für Unruhe sorgen, ist bis dato also ausgeblieben. Das ändert nichts an den Kernproblemen, mit denen sich Fuchs beschäftigt: "Lärm, Müll und Alkoholmissbrauch." Von Müll ist seiner Meinung nach verstärkt das Schulzentrum betroffen: "Dort gibt es viele Ecken und Nischen, in denen sich die Jugendlichen abends unbemerkt aufhalten können." Das Ergebnis: Scherbenmeer und Papierberge. Positiv in diesem Zusammenhang: Seit Fuchs einen Schlüssel zum Jugendkeller in der Unteren Breite besitzt, hat der Nachwuchs einen Ort für sich gefunden. Dort kommt regelmäßig etwa ein Dutzend junger Leute zusammen, die sonst nicht wüssten wohin – und anderswo möglicherweise randalieren würden. "Im Jugendkeller ergibt sich schnell ein Gespräch", sagt Fuchs. In privater Atmosphäre kommt dann die Rede auf den Job, Probleme an der Schule, Reibereien mit den Eltern, die fehlende Wohnung. "Ich komme an die Jugendlichen ran." Sie vertrauen dem gelernten Kampfsportlehrer, nehmen seine Hilfe an, wenn dieser mit den Ämtern vermittelt. Fuchs' Akzeptanz und seine guten Taten sprechen sich herum. "Neulich hat mich eine Mutter angerufen und von den Drogenproblemen ihres Sohnes berichtet." Manchmal geht das Vertrauen der Eltern zu weit. Dann liefert beispielsweise der Vater seinen Sohn um 22 Uhr im Jugendkeller ab. Der Senior will offenbar Zuhause seine Ruhe haben. Der Junior darf dann so lange wegbleiben, wie er will, und sei es die ganze Nacht. Ein unheilvoller Kreislauf, meint Fuchs: "Die Jugendlichen bekommen von ihren Eltern keine Grenzen gesetzt - also akzeptieren sie selber auch keine Regeln."
Mittler zwischen den Welten
Der Streetworker bietet dem Nachwuchs also eine Anlaufstelle, dient als Kummerkasten wie auch als Problemlöser; ein Mittler zwischen der problembeladenen Welt Heranwachsender und einer, die Perspektiven verspricht. Inzwischen hat Fuchs auch ein Netzwerk aufgebaut mit Streetworkern aus anderen Städten, will zudem verstärkt Freizeitaktionen anbieten. Demnächst lädt
er die Jugendlichen zu einem Hip-Hop-Workshop ein, im Sommer ist eine Rollerausfahrt geplant, beim Stadtfest wird ein Soccerturnier veranstaltet und Ende September steht ein Kampfsportseminar an. "Damit sind wir auf dem besten Weg, das zu erreichen, was wir wollten", sagt Doris Konya, Amtsleiterin Familie und Soziales: "Nämlich jene Jugendlichen einzubinden, die sich nicht in Vereine integrieren lassen."
Bleibt für die Zukunft ein Problem: Zeit. Andreas Fuchs hat nur eine 50-Prozent-Stelle – zu wenig, um den wachsenden Umfang seiner Arbeit mit Behördengängen, Elternansprache, nächtlichen Treffen und Sonderaktionen zu bewältigen. An einer Ausweitung seiner Arbeitszeit ist der 29-Jährige primär aber nicht interessiert. "Lieber wäre mir, wenn es eine zweite 50-Prozent-Stelle gibt - für eine Frau." Für manche Probleme sei der weibliche Zugang der bessere.
WEINGARTEN - Der Gemeinderat Weingarten hat sein Jugendkonzept verabschiedet. Kernpunkt ist die Einsetzung eines Streetworkers, um sogenannte "Störer" einzugliedern. Damit ist Weingarten die einzige Stadt im Kreis, die auf mobile Jugendsozialarbeit setzt. Das Angebot richtet sich an Jugendliche zwischen zwölf und 21 Jahren."Mit dieser Maßnahme betreten wir Neuland", sagte Doris Konya, Leiterin im Amt für Familie und Soziales. Zwar gibt es in Ravensburg bereits Streetworking, doch das zielt speziell auf Drogenabhängige ab.
Das Modell Weingarten richtet sich hingegen an Jugendliche im Alter zwischen zwölf und 21 Jahren, die bestehende Angebote ablehnen. Stattdessen treffen sie sich in Parks und
auf öffentlichen Plätzen, konsumieren nicht selten Alkohol und Drogen, mit den Folgen Lärmbelästigung, Vandalismus und Gewalt. "Die Bevölkerung fordert von uns: ,Tut was".
Allmählich gehen uns aber die Antworten aus", fasste der Erste Bürgermeister Rainer Kapellen die Situation zusammen.Aus dieser Sackgasse soll nun der Streetworker führen.
Der Plan:
Ein Sozialarbeiter sucht die Jugendlichen an ihren Treffpunkten auf, baut ein Vertrauensverhältnis auf, um schließlich in einer Art Partnerschaft spezielle Angebote zu schaffen, damit die Jugendlichen von der Straße kommen.
"Eine Vertrauensbasis braucht aber Zeit", erklärte Konya, weshalb die 50-Prozent-Stelle gleich für drei Jahre eingerichtet wird.
Jugendcafé öffnet länger Soweit der erste Pfeiler des neuen Konzeptes, der zweite sieht den Ausbau bestehender Maßnahmen vor.
"Das Jugendcafé läuft sehr gut", sagte dazu Doris Konya. Der Nachwuchs klagt jedoch über enge Öffnungszeiten, vor allem am Sonntagnachmittag ist das Café geschlossen. Das ändert sich nun, Jugendhaus und Jugendcafé werden personell um 25 Prozent aufgestockt.Als mangelhaft bewertet die Verwaltung auch die schlechte Vernetzung zwischen allen Einrichtungen der Jugendarbeit, eine Aufgabe der Kinder- und Jugendbeauftragten.
Deren Stelle wird daher von 25 auf 50 Prozent aufgestockt.Oberbürgermeister Markus Ewald betonte, dass mit dem neuen Konzept keine Kritik an den bisherigen Angeboten einhergeht: "Weingarten macht eine gute Jugendarbeit.
Mit dem Streetworker schließen wir jedoch eine Lücke." Dies sei umso bemerkenswerter, weil die Stadt bekanntlich einer Haushaltssperre unterliegt. Die Jugendarbeit sei daher der
einzige Bereich mit einer Stellenerhöhung im kommenden Haushalt, verbunden mit Kosten von 53 500 Euro, gesetzt die Stadt erhält alle in Frage kommenden Zuschüsse.
Ewald: "Das Thema Jugendarbeit ist uns wichtig."Diese Bedeutung sehen alle Gemeinderäte, die das Vorhaben einstimmig verabschiedeten. CDU-Fraktionschef Dieter Pfleghar gab allerdings zu bedenken, dass mit dem Streetworker möglicherweise zu hohe Erwartungen verbunden sind: "Bei einer 50-Prozent-Stelle lasten wir ihm viel auf." Susanne Münz (Grüne) sieht dies ähnlich,
die Maßnahme selber sei aber notwendig: "Wir dürfen nicht am falschen Platz sparen."Doris Spieß (SPD) erinnerte, dass die Stadt in wenigen Jahren viel für Jugendarbeit getan habe ("Wir sind auf dem richtigen Weg"), mahnte jedoch: "Wir müssen den Standard halten und auch ausbauen.""Wir haben Gutes vor "FWV-Stadtrat Bernd Junginger begrüßte, dass das "Thema (Streetworker) endlich auf dem Tisch ist." Gut Ding brauche eben Weil, sagte Roland Zintl (Grüne), der wohl die Meinung aller Räte trifft mit den Worten: "Wir haben da was Gutes vor.
Am 1.Februar nimmt der Streetworker seine Arbeit in Weingarten auf. Andreas Fuchs heißt der Mann, der gewaltbereite Jugendliche von der Straße holen soll. Fuchs bringt alle Voraussetzungen mit für das Projekt: Er ist nicht nur ausgebildeter Pädagoge, sondern auch - Kampfsportlehrer.
Da standen sie sich gegenüber, den Kampf vor Augen. Auf der einen Seite Michael Wendler,
erster Vorsitzender vom Judo-Club Weingarten, auf der anderen Seite einer dieser
"schweren Jungs", den das Jugendamt in den Club geschickt hatte. "Er liebt die Gewalt",
hieß es in seinen Unterlagen. Doch von einer aggressiven Aura, einer bedrohlichen
Körpersprache war in diesem Moment nichts zu spüren. Im Gegenteil. Der Junge guckte
ängstlich durch die Boxhandschuhe, die Gesichtszüge entglitten ihm, da fragte er Wendler
leise: "Du tust mir jetzt doch nicht weh oder?" Der gefürchtete Schläger war im Angesicht
einer "höheren Macht" ganz klein geworden.
"Jetzt hast du Angst", entgegnete ihm Wendler, "jetzt, wo auf einmal ein Stärkerer vor dir steht.
" Der Junge hatte in diesem Augenblick eine wichtige Lektion gelernt: Wie es ist, der
Unterlegene zu sein?
Wie es sich anfühlt, von der Täter- in die Opferrolle zu fallen.Wendler kennt diese Situationen,
arbeitet er mit dem "Kinder- und Jugenddienst", einer Abteilung des Judo-Clubs, doch schon
seit Jahren mit verhaltensauffälligen Jugendlichen und unterzieht Schulklassen einem Anti-Aggressionstraining.
Als die Stadt Weingarten das Projekt Streetworker anging, lag es also nahe, jemanden aus dem
Judo-Club zu nehmen. Dieser jemand ist nun Andreas Fuchs, der alles mitbringt für den Job:
29 Jahre alt, lange Haare, trendiger Kinnbart, voll durchtrainiert, Kampfsportler und Pädagoge
in einem."Ich habe mich schon früher mit dem Thema ,Streetworking" beschäftigt", sagt Fuchs,
der aktuell in der Weißenau mit drogenabhängigen Jugendlichen arbeitet. Also jener Klientel,
die er auch in Parks, Tiefgaragen und auf den Straßen Weingartens treffen wird. Jene, die
Alkohol bis zum Vollrausch trinken, randalieren und die Fäuste fliegen lassen. Jene, die
daheim Prügel einstecken und nun die Schwächeren dafür büßen lassen.
"Gewalttätige Jugendliche erfahren zu Hause oft selber Gewalt", sagt Andreas Fuchs.
"Mit Alkohol machen sie sich dann Mut." Oder betäuben ihre Wut, um daheim überhaupt in den Schlaf zu finden.
Fuchs will den Gestrandeten, die sich in keinen Verein einbinden lassen, einen Weg aus ihrem dumpfen Dasein zeigen.
Ihnen Regeln geben und lohnende Ziele definieren. Stützen kann er sich dabei auf ein Netzwerk,
das der Judo-Club seit Jahren pflegt, das aus Polizei, Schule, Jugendamt und Richtern besteht.
"Die Jugendlichen dürfen keine Luft haben", sagt Michael Wendler. Sprich, baut einer Mist oder
fällt im Unterricht ab, greift das Netzwerk, an welcher Stelle auch immer.
Dass dieser Ansatz funktioniert, wissen die Judoka, machen mit ihrem gesponserten Bus längst
eine Art Streetworking in der Gemeinde Berg. Probehalber war das Team kürzlich auch in
Baienfurt und Baindt unterwegs. Dort haben sie den lungernden Nachwuchs angesprochen
und in den Club eingeladen, viele kommen nun regelmäßig, finden Gefallen an Körperbeherrschung und haben Respekt vor dem Gegenüber.
"Wir bilden gewiss keine Schläger aus", betont Thomas Frater, zweiter Vorsitzender des Clubs.
Über das Training lernen die Jugendlichen vielmehr ihre Grenzen kennen, entwickeln Mut und Selbstvertrauen. Sie verinnerlichen, wie man sich wehrt, ohne zuzuschlagen. Das gilt für Jungen
wie für Mädchen, bei Letzteren steige die Gewaltbereitschaft erschreckend deutlich an.
Aggressionen abbauen
Auch will der Club keine neuen Mitglieder werben, sondern den Nachwuchs "in anderen
Vereinen integrieren".
Der Streetworker beschränkt sich daher nicht auf Boxen und Anti-Aggressionstraining, sondern
macht "den Jugendlichen Angebote, die individuell passen müssen." So sei ein Training im Klettergarten genauso möglich wie der Besuch auf dem Golfplatz. Wo auch immer der Schritt
in ein neues Leben beginnt, der Weg ist ein langer, sagt Fuchs: "Diese Arbeit braucht Zeit,
ich muss erst Vertrauen aufbauen." Ab 1. Februar heißt es daher für den Kampfsportler:
Erster Bürgermeister Rainer Kapellen und der 1.Vorsitzende des Judo-Clubs, Michael Wendler, unterzeichneten gestern einen Kooperationsvertrag zum Streetworker-Projekt.
Weingarten (end) Mit dem Einsatz eines Streetworkers will die Stadt Weingarten in der Jugendsozialarbeit mobile Wege gehen. Er soll in erster Linie die Jugendlichen und Gruppen erreichen, die mit den vorhandenen Angeboten von Jugendhaus, Kirchen, Vereinen sowie der Schulsozialarbeit bislang nicht erreicht werden konnten. Probleme mit auffälligen Jugendlichen,
die in Gruppen Brennpunkte im Stadtgebiet für ihre Treffen nutzen, haben wohl die meisten Städte in Deutschland. Dabei sind Konflikte zwischen den Jugendlichen selbst, aber auch mit Anwohnern und Ordnungshütern geradezu vorprogrammiert. In Weingarten, wo es in den vergangenen Jahren ebenfalls zu Klagen von Anwohnern und Bürgern kam, will man ab Februar einen aktiven Weg der Problemlösung gehen. Andreas Fuchs, Kampfsporttrainer des Judo-Clubs Weingarten, wurde von der Stadtverwaltung als Streetworker ausgewählt. Für diese Funktion hat der Gemeinderat eine 50-Prozent-Stelle geschafften, rund 20 Stunden pro Woche wird der Streetworker an den markanten Treffpunkten der Jugendlichen Gespräche führen, Probleme frühzeitig erkennen und helfen, diese zu lösen. Besonders zu den abendlichen Stunden zwischen 20 Uhr und Mitternacht soll Andreas Fuchs präsent sein.
In den vergangenen Monaten hat sich der künftige Streetworker intensiv auf seine Arbeit vorbereitet. „Ich habe natürlich auch Kontakte zu anderen Streetworkern geknüpft und mich nach deren Erfahrungen erkundigt“, sagt Fuchs, der bereits am Zentrum für Psychiatrie Weißenau Erfahrungen mit straffälligen und drogenabhängigen Jugendlichen gesammelt hat.Das zunächst auf drei Jahre ausgelegte Projekt der Stadt Weingarten kam in engem Kontakt mit dem Judo-Club zustande. Seit Jahren versucht man dort mit großem Erfolg, auffällige und zunächst unmotivierte Jugendliche in das Vereinsleben zu integrieren. „Wir haben schon viele Jugendliche wieder auf den richtigen Weg gebracht“, sagt Michael Wendler, Vorsitzender des Judo-Clubs, im Rahmen der gestrigen Unterzeichnung des Kooperationsvertrages. Doch nicht nur durch den Einsatz eines Streetworkers geht die Stadt Weingarten aktiv auf die Probleme von und mit Jugendlichen zu, auch in weiteren Bereichen der Sozialarbeit geht es voran. „Der Gemeinderat hat auch die Planstelle der Jugendbeauftragten auf 50 Prozent aufgestockt und die Öffnungszeiten des Jugendhauses den Wünschen der Besucher weiter angepasst“, sagte der Erste Bürgermeister Rainer Kapellen. Er sieht auch gutes Potential durch die Schaffung eines inzwischen erfolgreich arbeitenden Netzwerkes zwischen der Stadt, Vereinen, Trägern von Jugendeinrichtungen sowie der Polizei.
Judo-Club Weingarten e.V. - Mehr als nur Judo! Mit diesem Motto beschreibt der Judo-Club Weingarten e.V. sein Projekt und trifft
damit das Wesentliche. Neben dem klassischen Judo-Angebot gibt es eine Vielzahl weiterer Sportarten, die die Angebotspalette zielgruppengerecht erreicht.
Eine große Bandbreite außersportlicher Angebote wie Hüttenfreizeiten, Selbstverteidigungskursen, Vorführungen, etc. komplettieren das vielfältige Angebot, dass
durch die Schaffung eigener Räumlichkeiten eine neue Qualität erhielt und dazu führte, dass der verein seine Mitgliedszahlen innerhalb von drei Jahren um rund 60% steigern konnte.
Die Integration von Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund gelingt dem Judo-Club-Weingarten vor allem durch die Kooperation mit außersportlichen Institutionen, wie Gerichten, der örtlichen Polizei, dem Jugendamt, den Schulen usw., die den Zugang zu der oft schwer zu erreichenden Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund erst ermöglichen.
WLSB-Vizepräsident Prof. Paul Hempfer (li.) überreicht den Sonderpreis des Württembergischen Landessport-
bundes anThomas Frater, den 2. Vorsitzenden des Judo-Clubs Weingarten.